Ein „einmaliges Experiment mit ungewissem Ausgang“ sei das gewesen, so der Feuilleton-Oberzampano der „Welt“, Cornelius Tittel im Editorial – leider auch in leichtfertiger Verkennung etwa des deutlich gezielter platzierten Umgangs mit Kunst auf den Seiten der taz anlässlich deren 9/11-Memorials am Jahrestag des Anschlags, 2002.
Wie ungewiss der Ausgang tatsächlich werden könnte, erahnen wir aber spätestens anhand der ganzseitig auf Seite 3 ausgewalzten Legitimationsschrift des nicht unbedingt für seine Vision berühmten Altmeisters einer mitunter arg konservativ konservierenden Kunstkritik, Hans-Joachim Müller. Denn der nimmt Baselitz’ Provokationsmalerei einfach mal aus jeder Schusslinie raus. Seine Bilder, die wir doch als ausgesprochen symbolstark kennen, sie wären „nicht zuständig für den Kommentar.“ Sie seien vielmehr „grandiose“, freilich „deutsche Atelierkunst.“ Das mag dem Kern des Projekts Baselitz, einer zur unerträglichen Pose geronnenen Künstlerprojektion im staatstragenden Format ‚deutscher Malerei‘, durchaus nahe kommen. Es nimmt dem malerisch-plastischen Werk selber aber zugleich noch jede Aussicht auf künstlerische Brisanz, die wir doch eigentlich mit passenderen Argumenten von ihrer Bräsigkeitspose entkleidet sähen.
Solche Freunde, lieber Georg Baselitz, magst Du Dir heute vielleicht gerade noch leisten können. Wieder brummt es im Land. Und Du bekommst als gestandener Kunstolympier endlich die anerkennende Hand ganz exklusiv auf die Schulter gelegt. Findest dich kameradschaftlich eingehängt in der, plötzlich, zeitgenössischer Kunst gegenüber so ungemein aufgeschlossenen Springer-Front wieder. Nicht schlecht, einesteils. Bloß, sehr viel wolkiger braucht es dann aber selbst auf dem Olymp nicht mehr werden.
Hans-Jürgen Hafner