Martin Kippenberger

Kunsthalle Bonn

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08-2020

Retrospektive Bitteschön:
Wie alt ist Martin Kippenberger

Wenn man eine Ausstellung nach dem Publikum beurteilen wollte, wäre Kippenberger sehr in die Jahre gekommen. In seiner umfangreichen Retrospektive in der Ausstellungshalle des Bundes drängeln sich die weißhaarigen Vertreter­Innen seines Jahrgangs, 1953.
Wenn man den Blick aber auf die Bilder richtet, ist man von der Sicherheit, mit der die Malerei auf die riesigen Leinwände gebracht wurde, überwältigt. Hier, in der Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, haben sie zudem einen beneidenswert einmaligen Ort gefunden. Die AusstellungsmacherInnen haben Ordnung geschaffen in dem Nachlass dieses Berserkers und jedes Werk hat nun seinen optimalen Platz, sodass man in der Malerei, wenn man denn möchte, einen ganzen Tag dahinschwelgen kann, oder auch länger.

Vom Eindruck zum Ausdruck.
Wen beneiden Sie am meisten?
Was sind Ihre Lieblingsminderheiten?
Die Revolution in Köln muss verschoben werden.

Die Sprüche auf den Ausstellungsplakaten empfangen einen in dem turmhohen Foyer, wo sie bis unter die Decke hängen und zaubern einem direkt ein Schmunzeln ins Gesicht. So wird man eingestimmt auf die ironische „Kippi-Welt“ in der Bundesrepublik der 80er-Jahre, und unmittelbar beginnt man abzugleichen, was sich im Geist der politischen Landschaft seitdem verändert hat.
Mit den Titeln der einzelnen Gemälde geht es weiter. Sie sind verantwortlich für die Lesart der Malerei. Meine Füße von unten gegen das Diktat von oben ist ein Bild von 1985 tituliert, mit einem nicht zu identifizierenden Gebilde, das könnte auch eine Kabarett-Nummer sein, und tatsächlich muss der Maler gleichermaßen ein begnadeter Schauspieler gewesen sein.
Auf einem Ei, das die Erde sein soll, in dem Bild Verbreitung der Mittelmäßigkeit von 1994, hat sich eben diese schlimmer als das Corona-Virus ausgebreitet. Die Mittelmäßigkeit ist so historisch wie diese Ausstellung. Ist nicht an die Stelle des Langweilig-Spießigen das Grell-Scharfe gerückt? Das mittlerweile auch „krass“ Genannte hat sich etabliert und in vielen Bereichen destabilisierend gewirkt.
Ja, edle alte Damen des deutschen Kunstbetriebs haben sich um sein Werk gekümmert, und man darf ihnen in einem Video auch dabei zusehen, dass sie die Erschütterung durch die Begegnung mit der Kippenberger-Figur bis heute nicht losgelassen hat.
Die Legende sagt, dass der Bad Guy wegen Frauenfeindlichkeit als Geschäftsführer des SO36 von Frauen aus Kreuzberg verjagt wurde. Das Ergebnis könne man sich auf dem Bild Dialog mit der Jugend (1981) zu Gemüte führen. Darauf sieht man einen fast vollständig bandagierten Kopf.
Auch Martin ab in die Ecke und schäm dich soll eine Reaktion auf Kritik an seinem nicht politisch korrekten Auftreten gewesen sein. Diese fast lebensgroße Figur gibt es gleich in drei verschiedenen Ausfertigungen. Bei einer ist das Innere des Mannes mit Kippen gefüllt.
Musste die Kuratorin Susanne Kleine denn irgendetwas Frauenfeindliches zurückhalten? Den Eier-Zyklus bietet sie dem bürgerlichen Publikum jedenfalls als Referenz an „die Keimzelle allen Lebens“ und als Poesie der Einfachheit der Dinge an. Gemessen an der heutigen Dichte porno­grafischer und gewalttätiger Motive in der Kunst, im Film oder in der Literatur, kommt der Verfasser des Merve-Bändchens „Frauen“ tatsächlich ziemlich harmlos daher.
Mit neun Jahren wurde der Sohn aus großbürgerlichem Hause in ein Internat gesteckt und seine überbordende Energie und – später auch von Alkohol und Drogen gespeiste – Rastlosigkeit verhinderten von Beginn an das, was (Mittel-)Mäßigkeit sein könnte. Außerdem hatte er mit seinem Zeitgenossen Michael Jackson eines gemein: dem Mythos vom rasenden Wahnsinnigen als dem urigsten aller Künstlerklischees erlegen zu sein, trotz seiner berühmten Einsicht Jeder Künstler ist ein Mensch.
In seinem Zyklus Das Floß der Medusa, der sich auf Géricaults Gemälde von 1819 bezieht, malt er sich als Schiffbrüchigen in größter Not. Vermutlich hat er sich selbst, als er das malte, weniger ernst genommen, als es nun den Anschein hat. Aber Selbstironie zur Erheiterung und Selbstironie als Überlebensstrategie – wer wollte das unterscheiden?

Leiden wozu, leiden warum?
Die als Vorlage für diesen Zyklus inszenierten sw-Fotografien seiner damaligen Partnerin Elfi Semotan sind hier ebenso zu sehen: der halb bekleidete Kippenberger in den Posen der Ertrinkenden dieses romantischen Gemäldes. Mit ihr zusammen zu sein, hat ihn noch ekstatischer arbeiten und leben lassen. Ein Jahr darauf hat sein Körper die Drogen nicht mehr wegstecken können.
Dem Rezipienten drängt sich die Frage auf, welches Licht wirft das auf 2020, wenn diese Ausstellung den Menschen Kippenberger mit seinen biografischen Komponenten ernst nimmt, wo sonst die ironische Haltung, die zu allen seinen Arbeiten gehört und die ihn zu einem echten postmodernen 90er-Jahre-Maler macht, im Vordergrund stand. Glaubt man dem Witz nicht mehr? Will man hinter die Maske schauen? Soll das wahre Liebe sein?
Kippenberger, der sich selbst das liebste Motiv war, trat seinerzeit stets in Begleitung einer gewissen Entourage auf. Eine Clique aus Malerkollegen und anderen Künstlern war Familie und Programm zugleich. In seinen Arbeiten dagegen taucht er ausschließlich alleine auf.
Ob es Familie Hunger (1985) ist, eine Familienaufstellung in der Sauna von Figuren mit Loch, ob es seine Zeugnisse einsamer Besäufnisse an den Luxus-Adressen der ersten Welt sind, ob es die Beschäftigung mit dem nervenkranken Schreber-Sohn Paul Schreber ist oder die Serie hand painted pictures, in der er sich virtuos an der Krüppelhaftigkeit des Künstlers an sich austobt, oder wenn er die Religion in ihrer Nutzlosigkeit für den Alkoholiker in der Skulpturenvariation Fred the frog bloßstellt, oder in dem Gemälde Die Rückkehr der Mutter mit neuen Problemen (1994) Familienwerte in Frage stellt, diese Ausstellung hebt das Ringen eines Einzelnen hervor, der trotz oder wegen seiner Genialität scheiterte: zunächst an Beziehungen, an der Kommunikation, an den einfachsten Dingen des Alltags (Miete Strom Gas (1986)), damals aber auch an den Mechanismen des Kunstmarktes und schließlich auch an der Documenta IX. Man erfährt im Begleittext, dass er im Rahmen-Programm gelandet war. Das allerdings nachhaltig. Mit seiner Laterne an Betrunkene auf dem fast unsichtbaren Erdkilometer von Walter de Maria.
Muss er einem leidtun, als einer, der für seine Arschloch-Attitüden bekannt war? Nein. Und ja, doch.
„Alle Arbeiten handelten von Kämpfen und den Geschichten, die sich abspielen und die man erfährt, allein für sich und als soziales Wesen. Als Spieler und als Würfel“, zitiert der Katalog Jutta Koether aus dem Buch Kippenberger and Friends von 2012.
Und die Kuratorin Susanne Kleine steht für ihn ein: „Sicher­lich waren nicht alle seine Äußerungen politisch korrekt, dass er aber ein immer eindeutig politisch und sozial engagierter, humanistisch denkender Mensch war, steht außer Frage.“
In der heutigen, voll globalisierten, digitalisierten, über­informierten Welt, wer wollte da noch nur von sich sprechen? Die Selbstreferenz eines Martin Kippenberger könnte 2020 nicht mehr nur frech und provokant, sondern so was wie ungültig geworden sein. Aber ging es wirklich um ihn selbst? Ging es nicht vor allem um die Bedingungen, die einem die kapitalistische Realität in der BRD stellte und die von der RAF gesprengt werden sollten? Bitte nicht nach Hause schicken zitiert das über das Fernsehen verbreitete Video-Bild von der RAF-Trophäe Hanns Martin Schleyer und adaptiert es sozusagen für den privaten Gebrauch. Das Zuhause war der Ort, von dem man geflohen ist. Da will man auf keinen Fall wieder hin.

Martin Kippenberger in, von und für Bonn
Es ist eine Ironie der Geschichte, wie dieser analoge Kritiker genau hier, in der ehemaligen Bundeshauptstadt, bei Brandt, Schmidt und Kohl zu Hause ist und im größten all ihrer Kunsttempel hofiert und verehrt wird, auf der Museumsmeile, die den UN-Campus mit dem absichtlich federleichten Plenarsaal eines Günter Behnisch vor dem Rhein umrahmt. Beschaulich und friedlich ist es hier, und wenn man sich auf die Dachterrasse des Marriot erhebt, kann man den Himmel vom Siebengebirge bis nach Leverkusen sehen.
Kippenbergers Werk ist freier, großzügiger, cooler, fantasievoller, offener und eben auch wesentlich ehrlicher als das vieler anderer, die sich mit ambitionierten thematischen Projekten als Künstler um die Verbesserung der Welt bemühen. Ein Blick in den Kippenberger-Katalog hat jedenfalls das Potenzial, die Welt zu verbessern – und sei es nur deine eigene kleine Welt heute Abend. Mit dem Wahnsinn bist du nicht allein! Lass uns eine rauchen.
Dankeschön Kippi, forever!


Martin Kippenberger „Bitteschön Dankeschön.
Eine Retrospektive“, kuratiert von Susanne Kleine
1.11.2019–16.2.2020 Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn  
Martin Kippenberger „Bitte nicht nach Hause schicken“, 1983
Martin Kippenberger „Martin, ab in die Ecke und schäm Dich“, 1990
Martin Kippenberger „Die Verbreitung der Mittelmäßigkeit“, 1994.

Alle Bilder dieser Seite: Privatsammlung, Courtesy Hauser & Wirth © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne.