Mitschnitte #9

Anja Majer und Esther Ernst im Gespräch mit Christian Jankowski

2017:März // Esther Ernst und Anja Majer

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03-2017

Anja Majer und Esther Ernst im Gespräch mit Christian Jankowski an­lässlich der Eröffnung seiner Ausstellung „Die Legende des Künstlers und andere Baustellen“ am 14. September 2016 im Haus am Lützowplatz.


Esther Ernst / 
Herzlich Willkommen zur neunten Schnitte.
Christian Jankowski / Sagt noch mal ganz kurz, was das ist, was ihr macht.
Ernst / 
Wir würden gerne mit dir über deine gestrige Vernissage reden. Diese Interviews führen wir mit den unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstlern, um dem Phänomen Vernissage ein wenig auf die Spur zu kommen. Und zwar interessiert uns dieses Ereignis, weil es voller Emotionen, Erwartungen, Wünsche und Enttäuschungen steckt. Vernissagen laufen ja oftmals in Ritualen ab und sind Feier und Arbeit zugleich. Sie markieren das Ende eines Arbeitsprozesses und den Beginn einer Ausstellungszeit, und sie sind der Ort, an dem Künstler und Werk gemeinsam öffentlich auftreten. Wobei sich da die Frage stellt, ob an der Eröffnung das Werk oder der Künstler mehr Aufmerksamkeit kriegt, und auch, wie der Künstler mit dieser Aufmerksamkeit umgeht.
Jankowski / 
Ok, ist ja ein lustiges Format, gute Idee.
Anja Majer / Und wir sind gestern absichtlich nicht zur Eröffnung gekommen, weil wir uns das heute alles gerne von dir erzählen lassen möchten.
Jankowski / 
Aha, ja, gut.
Ernst / 
Wie war denn deine Eröffnung gestern?
Jankowski / 
Toll!
Ernst / 
Schön, was war denn toll?
Jankowski / 
Das war toll, so viele Leute wiederzusehen. Es war toll, dass die eine Arbeit in letzter Minute fertig geworden ist. Es war auch toll, dass wir recht spontan noch eine weitere Arbeit gemacht haben und die Eröffnungsreden von Alexandra von Stosch und Marc Wellmann selbst zur Arbeit geworden sind. Es war toll, dass es Stullen gab und alle Leute was essen konnten. Ist ja nicht immer so bei Eröffnungen, dass alle dableiben und es lange geht. Und irgendwie sah das Ganze gut aus. Ich war happy mit der Ausstellung.
Entschuldigung, ich glaube, ich bin noch ein bisschen … wir hatten danach noch eine tolle Party im Leydicke, dieser alten Kneipe, und es wurde sehr spät. Aber das ist wahrscheinlich Teil eures Formats, dass man verstrahlt ins Mikrofon spricht.
Majer / 
Absolut. Magst du generell gerne Eröffnungen, deine eigenen oder fremde?
Jankowski / 
Ich mag am liebsten meine eigenen! (Alle lachen) Ja, ich mag natürlich auch die Ausstellungen von Freunden. Aber die eigenen sind halt wie eine Feier, in der die Mühe der eigenen Arbeit von einem abfällt. Die meisten Leute kennt man, mit einigen hat man davor, während die Arbeiten entstanden sind, viel Zeit verbracht, und das ist dann der grandiose Abschluss von so einem Arbeitsprozess.
Ernst / 
Klingt mehr nach Feier als nach Arbeit.
Jankowski / 
Ja, die Vernissage ist für mich Feier und keine Arbeit. Das sehen Galeristen bestimmt anders. Auch zu Recht. Wobei, auch Galeristen können beides manchmal gut miteinander verbinden.
Majer / 
Du hast an dem Abend auch keine Aufgabe zu erfüllen, oder das Gefühl, dass du über deine Arbeit sprechen müsstest, oder sonst irgendetwas tun?
Jankowski / 
Nein, nicht dass ich das muss. Aber ich mache das eh ganz gerne, wenn aufrichtiges Interesse besteht. Wobei ich den Leuten während der Eröffnung nicht aufdränge, was ich mir dabei gedacht habe. Aber auf Anfrage gebe ich gerne Auskunft über meine Arbeit.
Ernst / 
Die Sprache und das Sprechen sind ja grundsätzlich dein Arbeitsmaterial. Ich stelle mir vor, dass du oftmals damit beschäftigt bist, Menschen von deinem Arbeitsvorhaben zu überzeugen, oder sie für etwas Bestimmtes zu gewinnen. Deshalb ist für dich die Eröffnung vielleicht eher wie ein Spaziergang? Anders als bei Künstlern, die sich während ihrer Arbeit nicht so oft erklären und sich bei der Eröffnung eher gefordert fühlen.
Jankowski / 
Ja. Wobei ich an der Eröffnung, ehrlich gesagt, auch ganz gerne einfach gucke, weil dann endlich alles steht. Man verfolgt davor ja so einen inneren Plan und denkt, dass der aufgehen müsste. Während des Aufbaus kann man zwar noch nachjustieren, aber die Eröffnung ist da so eine spezielle Luxussituation. Weil man den Ausstellungsraum mit den Menschen darin sieht und man dann noch mal anders auf die Arbeiten gucken kann. Und eben nicht nur das Verhältnis zwischen den Arbeiten sieht, sondern man manche Arbeiten auch ganz anders erlebt, wenn Publikum daneben steht. Man spürt bei einem Film zum Beispiel ganz anders die Längen. Während man im Studio gedacht hat, was für eine verrückte Szene, merkt man in dem Moment, hm, vielleicht doch noch mal ein bisschen kürzen an der Stelle.
Ernst / 
Das heisst, du hast tatsächlich die Ruhe, auf deiner Vernissage deine Arbeiten anzugucken und die Reaktionen des Publikums wahrzunehmen?
Jankowski / 
Ja, klar. Ich hab einfach auch Spaß daran. Ich zeige ja oft aufgenommene Performances und darauf reagiert das Publikum natürlich. Und dann interessiert es mich, wer da was wie interpretiert und welche Szene was auslöst und welche Reibungen entstehen. Das merkt man ja erst, wenn man einmal kurz runter gekommen ist, ein Bier getrunken hat und sich wie ein Mäuschen in die hinterste Ecke des Projektionsraums setzt.
Majer / 
Apropos Mäuschen. Fühlst du dich eher als Gast oder als Gastgeber, oder wechselt das auf der Eröffnung? Also dass du Beobachter bist und dann wieder im Mittelpunkt stehst.
Jankowksi / Naja, auf der eigenen Eröffnung ist man schon ziemlich im Mittelpunkt. Zusammen mit den Ausstellungsmachern ganz klar Gastgeber.
Also, das Mäuschen ist man dann, wenn irgendein Piece die Leute so vereinnahmt, dass sie sich ganz der Kunst zuwenden. Dann kann man sich hinten anstellen und der Rezeption über die Schulter gucken.
Majer / 
Klar bist du auch im Mittelpunkt, aber das ändert sich ja auch immer wieder, denke ich. Die Vernissage gliedert sich ja in ganz verschiedene Teile. Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Lauf des Abends immer wieder die Beziehungen von Kunst zu Künstler zu Publikum ausgelotet werden und es mehr eine veränderliche als eine fixierte Situation ist und damit auch eine wechselnde Rollenzuschreibung.
Jankowski / 
Erstmal ist die Kunst im Mittelpunkt.
Majer / 
Ja, das ist eben so ein bisschen die Frage, was du da als Künstler überhaupt verloren hast.
Jankowski / 
Genau. Wenn man sich mit der Kunst total vertan hat und die überhaupt nicht trägt, geht man schlussendlich auch wieder zum Künstler und guckt den mitleidsvoll an – das macht dann keine große Feierlaune. (Alle lachen)
Ernst / 
Wobei, das ist doch eben ein Paradox, dass man an Eröffnungen die Kunst kaum sieht und man lieber den Künstler, die Freunde oder Kollegen treffen will. Und für die Kunst dann nachher in Ruhe noch mal hingeht.
Jankowski / 
Würde ich nicht unbedingt sagen. Ich gehe meistens nicht noch mal zu einer Ausstellung, die ich als Vernissage gesehen habe.
Ernst / 
Weil du wirklich guckst an der Vernissage und offenbar beides kannst.
Jankowski / 
Ja, ich mag diese Mischung zwischen sich zurückziehen und Kunst gucken, gegebenenfalls darüber sprechen und feiern. Oder bei jemandem nachfragen, der ein bisschen mehr über die Arbeit weiß, und von dem man denkt, dass er die Kunst noch mal anders beschreiben kann, als in der Press- release steht, damit man das dann auch kapiert. Oder dann halt lieber über was anderes sprechen. Ist ja auch in Ordnung.
Ernst / 
Und wie war das bei der Manifesta? Warst du da eher Gastgeber, oder fühltest du dich auch als Gast?
Jankowski / 
Naja, ich war Kurator. Ich war Gast im Raumschiff Manifesta. Und war derjenige, der sich das Konzept ausgedacht, die Künstler eingeladen und vor der Stadt und dem Publikum den künstlerischen Teil zu verantworten hat. Ich war Gastgeber … Hm, komm ich grad nicht weiter, Gast und Gastgeber.
Majer / 
Es ist ja vielleicht ein Unterschied, ob du als Kurator oder als Künstler auf der Eröffnung bist. Oder vielleicht ist das auch wurscht, weil beides deine Sache war. Vielleicht ist die Frage, ob es ganz spezifische Dinge gibt, die man als Kurator oder eben als Künstler macht, und wie man gesehen oder behandelt wird.
Jankowski / 
Ja, das war natürlich ein sehr großer Schuh.
Als man mir gesagt hat, dass ich die Manifesta machen kann, dachte ich, oh, da werde ich irgendwann bei der Eröffnungsrede wahrscheinlich vor ein paar tausend Leuten sprechen müssen. Das war mir erst nicht so geheuer. Und auf einmal ist man bis dahin so abgerockt und sagt, ok, jetzt ist es halt so, und macht das dann.
Der gestrige Abend fühlte sich eher wie ein Nachhausekommen an. In den Proportionen, die mir verwandt und vertraut sind. Da kann man im kleinen Team sehr schnell Sachen richten. Bei einer Manifesta sieht man an einigen Stellen schon ein Jahr vorher Probleme, aber die lassen sich kaum beheben und schlagen sich bis zum Ende durch, weil die Institution zu träge ist.
Majer / 
Bereitest du dich auf Eröffnungen vor? Oder bist du immer auf die letzte Sekunde fertig?
Jankowski / 
Ja, ich bin immer auf die letzte Sekunde fertig. Und ich bin immer fertig geworden.
Majer / 
Und hast du noch so eine winzige Lücke zwischen Aufbau und Eröffnung, in der du was Bestimmtes machst, wo du das drehst (schnippt mit den Fingern), dass das jetzt abgeschlossen ist?
Jankowski / 
Nein, das macht die Zeit. Ich mach’s nicht. Wenn ich noch mehr Zeit hätte, würde ich noch mehr machen.
Ernst / 
Und wann ist für dich der Spannungsbogen am höchsten?
Jankowski / 
Gute Frage. Ich weiß gar nicht, ob ich das als Spannung beschreiben würde. Für mich ist die Vernissage eigentlich eher Entspannung.
Ernst / 
(Lacht) Ich glaube, du bist der erste und einzige Künstler, den ich kenne, der das so sagt.
Jankowski / 
(Lacht mit) Ja, dann ist ja alles gemacht. Meine höchste Spannungskurve ist in der Arbeit, zwischen Idee haben und ihrer Umsetzung.
Ernst / 
Und findest du, es passieren berufsentscheidende Dinge auf Eröffnungen?
Jankowski / 
Ja. Absolut.
Ernst / 
Inwiefern?
Jankowski / 
Ich finde, man spürt wenn etwas in der Luft liegt, das irgendwie berührt oder irgendeine Bewandtnis hat. Man merkt auf einer Vernissage, inwieweit die Kunst die Leute kickt oder nicht. Und ich glaube, das ist einer der Hauptindikatoren, um Kunst zu bewerten. Es muss ja nicht immer sein, dass alle gleich in die Luft springen vor Freude. Die Kunst kann ja auch polarisieren.
Ich finde auch die Afterparty, also die Vernissage-Party, ist da irgendwie ein wichtiger Seismograf. Das fängt ja eigentlich schon zu Studentenzeiten an. Die Hochschulklassen mit den besten Partys danach sind oft die interessantesten Kunstklassen, finde ich.
Und, ehrlich gesagt, geht mir das auch mit den meisten Galerien so. Es gibt zwar Galerien, die versuchen, danach nur die allerwichtigsten Sammler an einem kleinen Tisch zusammenzubringen, aber zumindest für meine Kunst ging das bisher leider noch nie auf. Von mir aus geht es da auf, wo unterschiedlichste Leute zusammen eine gute Schwingung haben.
Ernst / 
Das sagst du dann dem Galeristen.
Jankowski / 
Das spürt der Galerist. Das muss ich dem nicht sagen. Wenn ich sowas sagen müsste, würde ich schon skeptisch werden.
Majer / 
Fragen dich deine Studierenden eigentlich nach deinem Umgang mit Eröffnungen? Also, ob du dich vorbereitest oder ob es generell wichtig ist, zu Eröffnungen zu gehen.
Jankowski / 
Also es ist natürlich so, wenn man Künstler werden will und selber nicht genügend Eröffnungen hat, muss man zu unglaublich vielen Eröffnungen gehen. Zu so vielen, wie man überhaupt nur sehen kann, finde ich.
Majer / 
Warum?
Jankowski / 
Naja, man muss doch sehen, was los ist. Man muss sehen, wer denn da überhaupt ist und worauf die Menschen reagieren. Das ist für mich eine ganz logische Konsequenz, wenn man sich in einem Fachgebiet bewegt. Auch Zahnärzte gehen ja zu Fachkongressen und Weiterbildungsseminaren von Zahnärzten. Und Eröffnungen sind eben der Ort, wo sich die Kunstwelt austauscht und informiert.
Majer / 
Ja, ich finde auch, dass die Neugier und das Interesse daran, was die anderen machen, logisch ist. Und dann gibt es aber auch diese Idee, dass man zu Eröffnungen gehen muss, um gezielt die richtigen Leute kennenzulernen.
Jankowski / 
Das schließt sich ja gar nicht aus. Also wenn ich jetzt nochmal Kunststudent wäre, würde ich mir anschauen, was Künstler machen, die schon in Galerien ausstellen dürfen, und die Kunst mit meinem eigenen Werk vergleichen. An Eröffnungen kommt man ja auch ins Gespräch und lernt vielleicht andere junge Künstler, Sammler oder Galeristen kennen. Man kann auch seinen zukünftigen Galeristen und Ehepartner auf der Vernissage eines anderen Künstlers kennenlernen, ist einem Kollegen von mir passiert.
Ernst / 
Jetzt noch eine letzte Frage: Wenn du dir einen Gast aussuchen könntest, von dieser Welt oder einer andern, egal welche Epoche, um ihn oder sie zu deiner nächsten Eröffnung einzuladen, wer wäre das?
Jankowski / 
Ich glaube da müsste ich mehrere Anläufe machen. Ich hätte gerne einmal meinem Vater eine Ausstellung von mir gezeigt, der ist leider mit 53 Jahren gestorben. Das war genau als ich anfing, Kunst zu studieren.
Ansonsten wär es wahrscheinlich ein Musiker, entweder Caetano Veloso oder Udo Lindenberg. Obwohl, an Udo Lindenberg könnte ich ran. Ja, und dann wahrscheinlich irgend so ein Kunstgott. So jemand wie … Also eigentlich mag ich am liebsten Überraschungsgäste.