Einer von hundert

Tagebuch aus dem Berliner Sommer

2016:September // Einer von hundert

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09-2016

1. Juni, Leipziger Straße
Diese drei Buchstaben müssen reichen. Der Text ist hier zu Ende. Das Projekt wird beendet, weil es keinen Sinn macht es fortzuführen. Alle haben es eingesehen, bis auf JS und ihre C. Wir begegnen uns an einem unwirtlichen Ort. Berlin, Leipziger Straße, Ecke irgendeine Straße, meinetwegen Jerusalemer. Grundsätzlich ist die Leipziger Straße ein Ort, an dem man nicht sein möchte, zu keiner Gelegenheit. Nicht im Winter, nicht im Sommer. Nicht am Tag und nicht in der Nacht. Hier hat JS ihre Berliner Dependance eröffnet. Was bezweckt sie damit? Ich konnte es in keinem Text lesen, den ich darüber finden konnte. Es stand immer nur da, dass es so sein wird. Import/Export JSC. Jetzt auch in Berlin.
Roter Teppich, Angestellte mit rundem JSC-Logo auf ihren blendend weißen T-Shirts. JS hält Hof, schüttelt Hände, begrüßt. Dresscode: teuer. Gucci, Prada und so weiter. Botox-Lippen. Verunstaltete Visagen Superreicher. Amerikanisierung der Szene. Content fuck off. Wir sind nicht hier, um uns belästigen zu lassen. Noch einen Grauburgunder, bitte. It’s a great event. Eine Bar auf der linken Seite, eine Bar auf der rechten Seite, dahinter in 8000 Punkt großer Schrift: JSC. Julia Stoschek Collection. Das ist die Message: Ich bin da. Warum auch immer.
Ich empfehle im Übrigen im Hamburger Bahnhof: Die schwarzen Jahre. Hervorragende Ausstellung.

28. August, Zuhause
Schaue gerade „Tatort“ (Stuttgart) und staune nicht schlecht, wie nah die da an der Thematik und Ästhetik der Berlin Bien­nale dran sind. „Bluesky“ heißt das Start-up, dessen ambitionierte Aktivitäten in der Entwicklung von virtueller Realität und Zukunftsvoraussage anhand von gesammelten Daten hier im Mittelpunkt stehen. Die zentralen Protagonist/innen tragen ein leuchtendes (Himmel)Blau und leuchtendes Rot (mit überlangen Ärmeln), genau wie das modernistisch-retro/futuristische Einrichtungskonzept der Firma in diese Farben getaucht ist. Bis die Software die Kontrolle übernimmt … Soweit ist es ja bei der BB9 noch nicht gekommen. Frage mich grade, was aus DISCREET geworden ist … Da habe ich irgendwie den Anschluss verloren …

28. August, Rosenthaler Straße
Ich kannte ihn nicht. Er hatte seine eigene Galerie in der Rosenthaler Straße. Viel Lack-und-Leder-Fotografie, nackte Haut, Tattoos … nicht mein Ding, aber was soll’s. Passt nach Mitte genauso wie die Sevenstar-Gallery in der Gormannstraße. Läuft man vorbei und schaut durchs Schaufenster, Boutiquenkunst.
Jetzt ist die die Rath-Gallery ausgeräumt. Nur noch ein kleiner 3D-Print von dem Fotografen mit Mütze und Kamera, dazu ein Trauergruß. Er stürzte von der Dachterrasse des benachbarten Hotels Amano. Mit der Figur jetzt im Fenster dachte ich gleich an Pan Tau. Die 3D-Figurendruckerei in der Auguststraße hat auch dichtgemacht.

29. August, Torstraße
Habe mir eben den Pop-Up-Store von „PEOPLE“ (People Berlin) in der Torstraße angesehen, nachdem ich am Samstag den ganzseiten Beitrag in der SZ im Ressort „Stil“ darüber gelesen habe und etwas skeptisch war. Professionell und gleichzeitig sympathisch fand ich die Stimmung dort vor, eine recht angenehme Atmosphäre. Im Gespräch mit der Designerin Eva Sichelstiel erfahre ich noch einige Details: jedes Teil der Kollektion (nur 1 Kollektion pro Jahr) wird nur 3x hergestellt (je 1 Teil in S, M, L) und zwar in Berlin – von den Leuten von PEOPLE selbstgenäht. Die beeindruckende Web-Kombination aus Weste und Hose, die das Modell in der SZ trägt, ist sogar ein Unikat und unverkäuflich. Das fand ich gut! Für alle, die es interessiert: „PEOPLE“ ist ein Projekt des Karuna e.V.: zwei junge Designerinnen – neben E. Sichelstiel ist es ­Ayleen Meissner – arbeiten dort im Team mit Straßenkindern zusammen, deren Ideen/Erfahrungen/Visionen in die Kleidungsstücke eingehen. Die aktuelle zweite Kollektion entstand unter dem Motto „Schnee im Sommer“. Interessant ist, wie sich in den Kleidungsstücken Motive der Dekonstruktion, z.B. die ausgefranste Naht oder Perforationen im Stoff wiederfinden, die man natürlich auch von einigen anderen Avantgarde-Designern etc. kennt … Auch überlange Ärmel habe ich dort angetroffen …

9.September, Büro
Schnell noch meine Schließungsliste aktualisieren:
2016 kommt u.a. die Galerie Kromus + Zink hinzu (obwohl sie ein Haus für ihre Galerie in der Linienstraße gebaut haben. Die Umnutzung scheint mir schwierig, eine Mini-Sporthalle vielleicht, oder ein Fitnessstudio, eine Kletterhalle, ein Amazon-Zwischenlager oder ein Start-up?).
Seit Klosterfelde 2013 und der letzten Veröffentlichung in der Nummer 21 dieses Heftes, sind noch folgende Galerieabgänge zu beklagen: Arndt, Circus, September, Sassa Trülzsch, Croy Nielsen (zieht nach Wien), Sommer&Kohl, Anselm Dreher, (Ruhestand), Johnen (wird von Esther Schipper übernommen), Galerie Cinzia Friedlaender, Galerie Christian Ehrentraut, Galerie Kamm, Galerie Krobath (wieder nur Wien), Galerie Gebr. Lehmann (wieder nur Dresden), reception, Schleicher/Lange, VeneKlasen/Werner. Die Liste ist nicht vollständig, kleinere Galerien gingen mir vielleicht durch die Lappen.
Schade, aber man sieht wie hart das Kunstgeschäft ist. Die Zahl der Galerien, die im Index gelistet sind, ist seit 2013 nur von 75 auf 74 gefallen. Es gibt also viele neue, die ihr Glück versuchen.
Nicht in die Liste gehört frieze d/e, die als Magazin aufhören werden zu erscheinen. Das ist noch mehr schade!

9.September, Alexandrinenstraße
Da wird das Mobilar einer Cafeteria gleichsam „pulverisiert“ und chemisch zu einer Emulsion verwandelt. Diese dann wird als bunt schillernde Pütze im oberen Hauptraum der Galerie König ausgelegt. Dem „Künstler“ dieser so minimalistisch-chicen wie nichtssagenden Arbeit sei gratuliert: Daniel Turner ist hier in St. Agnes, wo die Galerie mehr und mehr zu einem dem Dekorativen verpflichteten Kunsthandel verkommt, mit seiner Ausstellung „Particle Processed Cafeteria“ eine gekonnte Parodie aktueller Kunst-Kunstproduktion gelungen. Das Problem ist nur, dass Daniel Turner und sein Galerist, inklusive seiner Sammler wohl auch, diese Arbeit ernst meinen.

15. September, im Büro
Old-School-Kunst, was ist das? Heute zum Beispiel das Zeit-Magazin. Tino Sehgal war eingeladen das Cover zu gestalten und, war klar, er lässt es ganz weg. Aber es funktionierte. Erst dachte ich, Schwachmaten, vergessen die Klammerung, oder ein anderer Produktionsfehler. Dann las ich das Edito, neben dem Inhaltsverzeichnis, was jetzt eben vorne ist und das ich sonst so gut wie nie lese, und dachte, was ist das denn für ein schöner, persönlicher Text? Christoph Amend schreibt über sein 30. Lebensjahr und den Film „Lost in Translation“ und der Text rührt mich, genau wie mich der Film damals rührte. Und dieses Stolpern dahin, zu diesem Gefühl, das einen verbindet mit dem Leben, das schafft manchmal Kunst.
Screenshot Logosuche JSC
Tatort „HAL“ Filmstill, 2016, SWR-Produktion
Screenshot http://www.peopledesign.de/
Atelierwand Daniel Turner