Ed Ruscha

Sprüth Magers

2016:April // Stephanie Kloss

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04-2016

„Metro, Hallo, Psycho“

Samstagabend, Halloween.
Vor Sprüth Magers steht eine Traube Menschen rauchend auf der Straße. Kostümierte Kinder drängeln sich durch die Menge. Es sind Zauberer, Laserschwertträger und Untote. Ein schöner Gegensatz zu den aufgestylten Kunstkennern. Drinnen in den überdimensionierten Galerieräumen wird es noch um einiges absurder. Dort stöckeln schöne und teuer gekleidete Menschen vor einer Serie abgeranzter Matratzen herum. Schon der Gedanke, wie eins dieser Ruscha-Werke in deren Schlafzimmern hängt, ist grotesk und zynisch.
Bei Ruscha liegt die Kunst auf der Straße und es lässt sich auf ihr liegen. Seine neue Serie handelt von einem alltäglichen Motiv, auf dem man ca. 7–10 Stunden pro Tag verbringt: eine Federkern-, Schaumstoff- oder Latexmatratze. Auf den Straßen von Los Angeles fotografierte er sie in verschiedenen Stadien ihrer Vernachlässigung: „I see them when I drive. I started seeing so much debris and so many castaways, that set me thinking … I thought they were perfect little things for paintings, and each one has its own personality. I found some debris right in Holly­wood, on the small side streets.“
Er isoliert die Matratzen vom Hintergrund und malt sie feinsäuberlich fotorealistisch in Acryl und Buntstift auf Museumskarton. Es sind Porträts voller Details: kaputte und lose Sprungfedern, zerfetzter, herausquellender Schaumstoff, Flecken, Muster, Schuppen, Flöhe, Wanzen, Blut und andere Körperflüssigkeiten. Eklig, mysteriös und voller Geschichten. Verlassene Behältnisse von Träumen in der Stadt der Träume. Sie heissen „Metro Mattresses“, Metro ist nicht U-Bahn, sondern Metropole, wie auch ein gleichnamiger Großhändler. „Die Matratzen sind kein Müll in der Landschaft, sondern werden eher zu furchteinflößenden Tieren“, erklärt er.
Bei Ed Ruscha gab es immer eine dunkle Faszination für die Vorstellung von Kalifornien als Ende der westlichen Welt. Könnte diese Serie ein Kommentar zur Obdachlosen-Situation in Los Angeles sein? Oder sind dies weitere Symptome des Verlusts von Amerikas großen Träumen?
Jede banale Matratze birgt für ihn die Individualität seines Besitzers und macht sie einzigartig. Es ist aber auch nicht Tracey Emins Lotterbett, was hier gezeigt wird, eher per Anhalter durch die Galaxis, Matratzen im Sumpf, lebendiges Etwas. Es geht ihm um den Widerspruch von Intimität und Öffentlichkeit, Alltag und Offensichtlichkeit. Ironie vielleicht, ganz klar wird das nicht: „I don’t really make the paintings to be reflections of man’s wasteful nature. These are just objects; they could be looked at as if they are brand new. They are not sad things – maybe they are brighter than they appear. Most of my work is based on this idea of waste and retrieval: using wasted, overlooked or forgotten things.“
Ruscha, der häufig mit der Pop-Art in Verbindung gebracht wird, wurde vor allem mit seinen „Word Paintings“ bekannt, die von klarsichtiger Ehrlichkeit und trockenem Humor gekennzeichnet sind und von der Beschäftigung des Künstlers mit dem US-amerikanischen Vokabular zeugen.
Bret Easton Ellis und Alex Katz haben gerade eine Kollaboration bei Gagosion in Beverly Hills gezeigt, die stark an Ed Ruscha erinnert, jedoch nur platte Sprüche auf poppigem malerischen Untergrund bietet. Aber eins wollen sie klar machen, dass L.A. „the place to be“ ist. Anders bei Ruscha: im Gegensatz zu seiner berühmten Serie „Every Building on Sunset Strip“ von 1966 spielt die verortete Straße aber nun keine Rolle mehr. Ob die Matratzen in Los Angeles oder Berlin rumliegen, ist ziemlich egal, obschon es ja heißt, L.A. sei das neue Berlin. Das unheimliche und schmutzige Tier, das florale Muster, die abstrakten Wiederholungen, der zerbrochene Lattenrost, das Blut, der Ekel und das Abstoßende sind nicht mehr das Idealisieren von Alltagsgegenständen einer Populärkultur, eines American Way of Life. Es geht weit darüber hinaus. Intendiert oder nicht, bekommen die Matratzen im poshen Galerieraum etwas real Politisches: Obdachlosigkeit in jeglicher Form und das essentielle Bedürfnis nach Schlaf.


Ed Ruscha „Metro Mattresses“, Sprüth Magers Berlin, Oranienburger Straße 18, 10178 Berlin, 3.11. 2015–16.1. 2016
Ed Ruscha „Metro Mattress #4“, 2015, Courtesy Sprüth Magers