Einfamilienhaussoziologie

2016:April // Andreas Koch

Startseite > 04-2016 > Einfamilienhaussoziologie

04-2016

Einfamilienhaussoziologie

Natürlich hat dieser Text nichts in einer Kunstzeitschrift verloren. Es geht um Raum, um Soziologie, um eine knappe Verkürzung der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland anhand ihrer Häuser. Niemand hat übrigens besser und lustiger über das deutsche Haus geschrieben als Peter Richter in seinem gleichnamigen Essaybändchen von 2006 (Goldmann-Verlag). Dort nahm er uns an die Hand und führte uns vom Kinderzimmer bis ins Grab und beschrieb unser nächstes Wohnumfeld, das spezifisch deutsche, also die Küchendurchreiche, die Plastikjalousie oder die „Manufactum-Moderne“ .
Dieser Text hier greift nur eine Bau- und Wohnform heraus, und zwar die des Einfamilienhauses, in welchem etwas mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung lebt (ca. 30 Millionen Menschen). Der Rest wohnt zur Miete und in Wohnungen, vier Millionen gar in Wohngemeinschaften. Aber von den Einfamilienhäusern gibt es über 15 Millionen in Deutschland und jeden Tag kommen ein paar hundert hinzu. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Menschen, die darin wohnen. Warum das so ist, kann man an einem typisch schwäbischen Dorf beobachten.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war dieses noch eine Ansammlung von ländlichen Häusern, die dicht an dicht um den Dorfplatz standen, die Bauern fuhren von dort aus raus aufs Feld. Natürlich gab es auch andere Berufe: Metzger, Bäcker, Handwerker, man schaffte vielleicht auch schon bei Daimler und meist wohnte auch nur eine Familie darin, die war damals nur größer, mehr Kinder, Oma, Opa, Tante.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Riesenzuzugswelle aus dem Osten. Zuerst wurden nicht sonderlich schmucke Mehrfamilienhäuser auf die Äcker gesetzt, ganze Siedlungen entstanden. In den fünfziger Jahren setzte unter anderem wegen der vielen neuen Menschen ein Wirtschaftsboom ein, die Kinder der Nazis wurden erwachsen, verdienten gut und fingen für ihre kleinen Familien an, eigene Häuser zu bauen. Das war die eigentliche Geburtsstunde des westdeutschen Einfamilienhauses. Die Vorläufer aus den zwanziger und dreißiger Jahren waren schließlich zahlenmäßig weit unterlegen. An den alten Dorfrändern entstanden nun großflächig neue Siedlungen. Die ersten eben in den sechziger und siebziger Jahren, gerne im damals schicken, modernistischen Bungalowstil mit flachen Dächern.
Und so ging das weiter und hört bis heute nicht auf. Baugebiet um Baugebiet wird erschlossen, Gänsäcker 1 und 2, Lunkteile 1980 und 1990, Mühläcker I, II, III. Die Kleinfamilienhauszonen schließen sich wie Jahresblasen um die Dörfer. Die Kinder, die in so einem Gebiet aufwuchsen und nicht in eine Großstadt zogen, bauen sich im Nachbargebiet oder -ort ein eigenes Haus in einer neuen Blase.
Kommen wir zum Punkt unserer Analyse. Wir landen an einem demographischen Wendepunkt, der die beschriebene Wohnsituation kippen lässt. Von den Familien, die in den sechziger Jahren die Häuser bauten, sind mittlerweile vor allem die siebzig- bis neunzigjährigen Menschen als Bewohner/innen übrig, oft Witwen, die auf meist weit über hundert Quadratmeter leben. Und bald werden sie sterben. Ihre Kinder und Enkel sitzen in anderen Häusern und werden nicht in ihr Elternhaus zurückziehen. Es werden auch nicht mehr Kinder geboren und kaum Häuser abgerissen. Den ältesten Einfamilienhausgebieten droht massiver Leerstand und Verfall, erst der Preise, dann der Häuser. Auch die Kanalisation wird eintrocknen und kaputtgehen, wenn nicht mehr genug gespült wird.
Man muss diese Entwicklung auf ganz Deutschland hochrechnen. Alle Dörfer und Städte haben solche Gebiete, die bald noch leerer sein werden, als sie jetzt schon erscheinen. In einer Nachwahlstudie zu einer typischen Kleinstadt in Rheinland-Pfalz (Haßloch) verwunderte es die Analysten, dass gerade in den gutbürgerlichen Einfamilienhausgebieten die AfD besonders gut abschnitt. Aber in genau dieser zunehmenden Leere wächst die Angst. Jedes fremde Geräusch wird durch die Stille verstärkt. Hinter den Hecken und 40 Jahre alten Bäumen, hinter den früh heruntergelassenen Jalousien, den blickdichten Gardinen wird darüber nachgedacht, was nach einem kommt. Und beide Bilder sind noch außerhalb der jahrzehntelang gefestigten Vorstellungskraft: Die Abrissbagger, genau wie die vielen Kinder von neu Hinzugezogenen aus anderen Ländern. Spielende Kinder wurden hier zuletzt vor Jahrzehnten gesehen. Eine Alternative zu diesen beiden Bildern gibt es nicht. Andreas Koch
Foto: Waldenbuch, Gänsäcker, Quelle: www.panoramio.com
Foto: Calw-Stammheim, Quelle: www.panoramio.com