Gespräch mit der Schriftstellerin Silvia Bovenschen

2015:November // Barbara Buchmaier, Bertold Mathes und Stefan Hayn

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11-2015

Sarahs Gesetz

Stefan Hayn / Das ist sehr allgemein gefragt – die Frage von Malerei/Text, Sprechen über Malerei –, was war das in den ganzen Jahren, was bringt die Beschäftigung mit der Malerei für das Schreiben?
Silvia Bovenschen / Das kann ich nicht eindeutig beantworten. Das wäre falsch. Das sind doch ganz unterschiedliche Vorgänge das Schreiben und das Malen. Aber es gibt einen mittelbaren Einfluss. Ich habe sicher durch Sarah besser sehen gelernt. Aber nicht so sehr durch die Unterhaltung über ihre Bilder, sondern generell durch die Art und Weise, wie sie Bilder, wie sie Menschen und Dinge wahrnimmt. Dadurch hat sich sicher auch mein Blick geschärft. Und das wiederum ist mir vielleicht bei meiner eigenen Wahrnehmung und Beschreibung zugute gekommen. Eine andere Optik ist immer eine Bereicherung. Ich gehe nie unaufgefordert zu ihr und schau neu entstandene Bilder an. Ich schau sie mir erst an, wenn sie mich ruft. Auch dann halte ich mich mit Kommentaren sehr zurück. Ich bin ja keine Kunsthistorikerin, ich glaube, Kunsthistoriker lernen das, sofort etwas sagen können zu einem Bild. So wie ich sofort etwas zu einem Text sagen könnte. Aber ich weiß gar nicht, ob das so gut ist.
Bertold Mathes / Also ich glaube, wir Künstler empfinden das nicht immer als so gut, wenn es so schnell geht.
Silvia / Deshalb war ich immer sehr befangen, wenn ich die Bilder zum ersten Mal gesehen habe. Manchmal habe ich mich gewundert, dass einige Besucher sofort ein Urteil ­formulieren konnten und sie konnten auch sofort sagen, welches das beste Bild ist … Das konnte ich alles gar nicht. Ich war auch etwas verstört, wenn Sarah mich um einen kleinen Vortrag gebeten hat – es war immer irgendwas zwischen Bitte und Befehl – „Du musst auf der Ausstellungseröffnung etwas sagen“. Daraufhin habe ich mir natürlich alles intensiv angeschaut und fand dann auch einen Zugang.
Barbara Buchmaier / Im Anhang des Buches finden sich Texte über das Werk von Sarah. Sind diese auch durch Rückfragen entstanden oder eher aus einer ganz eigenen Sicht auf die Dinge?
Silvia / Erstmal muss man eine eigene Sicht haben, wie gesagt, ich bin ja keine Kunsthistorikerin. Manchmal hatte ich auch Fragen, zum Aufbau eines Bildes, zur Technik und so weiter, immer wenn mir etwas unklar war. Damit musste sie ja auch leben, wenn sie eine Fachfremde auffordert. Selbstverständlich spielen bei der spontanen Beschreibung und Beurteilung eines Bildes stets die eigene Erfahrungen, Sehgewohnheiten und Beschränkungen eine Rolle. Ich erinnere mich genau an meine Empfindungen, als ich zum ersten Mal ein Bild von ihr gesehen habe. Ich will es kurz skizzieren: das war ein sehr opulentes Bild – es gab zu dieser Zeit eine unausgesprochene kunsttheoretische Verabredung in Richtung der Verkargung. Und als ich dieses Bild in seiner Farbpracht sah, fragte ich mich: darf man das überhaupt? – und schon im nächsten Augenblick habe ich gedacht: was ist das überhaupt für eine Frage? Du bist doch keine Spießerin. Opulent oder nicht, das ist doch kein Kriterium. Und dann hab ich das Bild genauer angeschaut und es ist mir etwas aufgefallen, was mir bei Sarahs Bilder immer wieder auch in der Folgezeit aufgefallen ist und was mich sehr fasziniert hat: Dass da zwei Kraftquellen wirken: ein elementares, archaisches, zerstörerisches Element und gegenläufig auch der Versuch der Rettung von Schönheit, eine Reklamation im Bewusstsein ihrer Vergeblichkeit. Das hat mich fasziniert. Und ich glaube, wenn das nicht als Grund-Faszinosum sogleich dagewesen wäre, dann hätte ich auch nie etwas über die Bilder sagen können.
Barbara / Was bedeutet der Titel des Buchs „Sarahs Gesetz“?
Silvia / Man könnte an eine biblische Konnotation denken ... Ich kann zu dem Titel gar nicht so viel sagen, auch wenn das vielleicht enttäuschend ist. Ich habe vom ersten Moment an gewusst, dass das Buch, so es denn eines werden sollte, so heißen würde, so heißen müsse.
Bertold / Haben Sie über einen langen Zeitraum an dem Buch geschrieben?
Silvia / Lange eigentlich nicht, anderthalb oder zwei Jahre, aber mit Unterbrechungen aus gesundheitlichen Gründen. Aber ich hatte auch Zweifel wegen der mangelnden Distanz. Zwischenzeitlich dachte ich oft: es geht nicht, und als die Zweifel etwas bedrängend wurden, dachte ich: wenn das so weiter geht, ist es besser gleich und ganz aufzuhören mit der Arbeit an diesem Manuskript. Ab in die Tonne. Da habe ich Sarah gebeten, es zu lesen. Ich erwartete, dass sie sagen würde: bitte nicht, lass es sein. Hat sie aber nicht gesagt, sie war ganz cool, muss ich sagen. Also wenn jemand ein Buch über mich schreiben würde, wäre ich nervöser, aber sie war ganz legèr. „Das ist doch gut, ist auch fast fertig“, sagte sie. Das hat mich total erstaunt. Und dann dachte ich, wenn sie das so sieht, dann soll es werden ...
Stefan / Im Klappentext ist mir aufgefallen, dass ein einfaches „Wir“ gleich in Frage gestellt wird ...
Silvia / Es gibt für mich fast nichts Nervigeres als Paare, welcher Art auch immer, die immer im „Wir“ leben und sprechen. Ich weiß gar nicht, wie das gehen kann.
Stefan / Das finde ich einen sehr wichtigen Punkt, Nähe und Distanz ...
Silvia / Ja, es ist wichtig, heranrückend eine Genauigkeit der Betrachtung zu gewinnen, aber nur, um das Betrachtete sogleich wieder zu distanzieren. Es geht dabei nicht um irgendeine Rechthaberei, um einen Wahrheitsanspruch. Ich habe nie vorgehabt, „die Wahrheit“ über Sarah Schumann niederzuschreiben.
Und – ich wechsle jetzt die Perspektive: auch Sarahs Porträtmalerei hat nicht diesen polizeilichen Charakter, nach dem Muster: in bestimmten Merkmalen und Formen der Darstellung eine Wahrheit der Dargestellten aufdecken zu können. Der Maler „weiß es“. Der Maler entlarvt. Sarahs Porträts dagegen zeigen, so, wie ich sie wahrnehme, die Porträtierten in ihren jeweiligen Möglichkeiten: „so könnte er sein, so könnte er gewesen sein, so könnte er werden.“ Und dieses Buch habe ich auch in der Möglichkeitsform geschrieben. Deshalb habe ich mich da auch reingebracht, nicht aus Eitelkeit, sondern, um die Spiegelung zu haben und deutlich zu machen, so sehe ich sie. Und so wie ich sie sehe, sehe ich sie auch nicht immer. Und da gibt es zuweilen Gewissheit, die im nächsten Moment auch schon wieder weg ist, widerlegt wird durch etwas, was sie tut oder nicht tut, was sie sagt oder nicht sagt. Es ist also auf keinen Fall eine objektive Darstellung. Es ist meine Darstellung und nichts anderes, aber auch der ist zu misstrauen. Und das war mir ganz wichtig, dass das deutlich wird.
Stefan / Ist ein Antrieb der Liebe nicht auch immer der Wunsch, den anderen zu durchschauen?
Silvia / Es geht ja auch nicht darum, diesen Wunsch zu denunzieren, sondern darum, sich selbst in dieser Hybris zu durchschauen. Indem man einsieht, dass man einen anderen Menschen nicht durchschauen kann, durchschaut man sich selber – aber das tun wir natürlich nicht dauernd. Die Menschen haben doch im Großen und Ganzen auch ziemlich ekelhafte Bedürfnisse. Und wir müssen auch nicht so bigott sein, uns permanent darin zu überführen. Das Leben ist kein Buch ...

Silvia Bovenschen: „Sarahs Gesetz“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015

Foto: Abisag Tüllmann / bpk, 1979
Cover: Silvia Bovenschen: „Sarahs Gesetz“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015