Vanity Fairytales

2014:Dez // Elke Bohn

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12-2014

Getting old is not for pussies

Einen Beitrag zum Themenheft „Altern“ zu verfassen, ist gleichermaßen normal wie erstaunlich.
Das eigentliche Problem scheint schlicht die Zeit zu sein, die an uns und allem nagt. Oft sind wir zu spät, der Wecker gern auch mal zu früh. Auch wird berichtet, alles ginge immer schneller und ein Teil des Marktes, vermutlich der cleverste, reagiert mit dem Angebot auf Entschleunigung.
Betrachtet man den Themenkomplex des Alterns etwas detaillierter, so scheint nach einiger oder geraumer Zeit eher die wachsende Fülle der nicht wahrgenommenen oder verpassten Chancen weit problematischer zu sein als ergrauende Haare oder ledrigere Haut.
Und hier – wieder einmal – greift die Kunst zu, eignet und bietet sich an. So hat die Bruce High Quality Foundation eine Gruppe Studierender des renommierten MIT beauftragt, eine Software zu entwickeln.
Dieses Programm, Through The Edge, ist in der Lage – dafür benötigt es zwei Porträts eines Menschen, eines ­aktuell, das andere aus frühester Jugend oder Kindheit –, zu zeigen, wie sich das Konterfei ohne all die Fehler, die sein Träger oder seine Trägerin (man könnte auch Besitzer oder Besitzerin, bzw. Autor oder Autorin sagen) im Laufe des Lebens beging, ergeben hätte.
Stellen Sie sich vor, wie Sie aussehen würden, wären Sie im richtigen Augenblick, vor vielleicht fünfzehn Jahren, einfach am richtigen Tisch gesessen, in der richtigen Klasse gewesen oder wie auch immer. Dann wären Sie durchgestartet und würden heute mit ehrlicher und gottgleicher Gelassenheit auf Menschen und Welt blicken.
Kein durchschnittlicher, meinetwegen glücklicher ­Yogalehrer in Weißensee, sondern gefeierter Weltstardirigent, unsterblich durch zahllose Aufnahmen und umjubelte Auftritte. Kein Disponent bei Sixt oder Teamleiter bei Zalando, sondern weltwichtiger Herzchirurg oder Anwalt für Menschenrechte.
Sprechen Sie mit einem Psychologen und Sie werden erfahren, ja, das könnte man sehen. Erfolg kann einen Menschen derart prägen, dass man es wirklich sehen kann.
Wen interessiert da schon noch altern. Richtig, niemanden. Man kann ja sowieso nichts machen. Keine Entscheidung ist von Nöten, die Zeit vergeht ganz und gar von allein. Das eigentliche Problem der Menschheit und gleichzeitig (kein Witz, Absicht) ihre größte Distinktion sind ihre Entscheidungen.
Through The Edge ist somit eine Art katalytisches Pars pro Toto und spiegelt, indem es eines der menschlichsten Bedürfnisse bedient, Menschlichkeit im menschlichen Antlitz. Irrer geht es kaum. Auch blendet es, auf Wunsch, etwaige Schönheitsoperationen aus, entfernt Spuren von Unfällen ebenso spielerisch wie die Folgen des Abusus jedweder Substanz: Zeichen und Spuren der Zeit wie wegradiert und ausgetauscht gegen die bestmöglichen. Keine eingefallenen Wangen vom ­vielen Koks, keine dicken Nasen vom Schnaps, keine fahle Stirn vom falsch verstandenen Botoxversprechen. Toll.
Die bereits bemühten Psychologen feiern das digitale Werk, da es ein Bild greifbar generiert, das ohnehin in den jeweiligen Menschen schlummert und nun sichtbar gemacht werden kann. Ob das schadet, nutzt, unterhält oder gar langweilt, sei, wie so oft (also eigentlich immer), eine Frage mit vielen Parametern und somit in dieser Kürze unbeantwortbar.
Die Kunstwissenschaftler freut, ob diebisch oder verholen ist eine Typfrage, im Übrigen meinen das auch die Psychologen , wenn sie sagen, dass man das so einfach nicht sagen kann, dass das Programm an der Kultur im Allgemeinen und an bildender Kunst im Besonderen richtiggehend scheitert. Aus zwei eingespeisten Gemälden von Daniel Richter wird noch lange kein einziges von Albert Oehlen. Und der kriegt auch keinen Caravaggio hin. So einfach ist das.
Oder, das sagen die anderen, mit denen man reden kann, so normal. Klar ist es lustig zu sehen, wie man aussehen hätte können, auch als Idee, was alles aus einem hätte werden können. Doch wo, so manch kluge Frage, bleibt da die Demut vor Leben, Welt und vielleicht sogar dem Schicksal. Denn, wie wesentlich viel schlimmer hätte es eben auch kommen können und kommt es die ganze (Achtung!) Zeit für so viele, dass es fast alle sind?Elke Bohn
Montage aus zwei Selbstporträts von Roman Opalka
mit einem Alterunterschied von ca. 35 Jahren, Illustration: Andreas Koch